Wissenschaftlichkeit erklärt: Was bedeutet wissenschaftlich? Kriterien der Wissenschaftlichkeit

Durch die Einhaltung der Kriterien der Wissenschaftlichkeit erreichst du schneller und einfacher eine höhere Qualität deiner Abschlussarbeit und somit eine bessere Note. Verständlichkeit gehört zu den wichtigsten Bewertungskriterien.

Im ersten Teil hast du Ehrlichkeit, Objektivität und Überprüfbarkeit als grundlegende Kriterien der Wissenschaftlichkeit kennengelernt. In der zweiten Folge hast du erfahren, wie wichtig Reliabilität und Validität sind und wie du diese Kriterien der Wissenschaftlichkeit erfüllst.

In dieser dritten Folge erfährst du mehr über Verständlichkeit. Gerade dieses Kriterium der Wissenschaftlichkeit wird in den meisten »Richtlinien für schriftliche Arbeiten« explizit gefordert und betont.  

6. Kriterium der Wissenschaftlichkeit: Verständlichkeit – Halte den kognitiven Aufwand gering

Verständlichkeit
6. Kriterium der Wissenschaftlichkeit: Verständlichkeit

Verständlichkeit ist eines der wichtigsten Kriterien zur Bewertung der Qualität wissenschaftlicher Texte und betrifft diverse Ebenen und Elemente deiner Arbeit, weshalb ich etwas ausführlicher auf dieses Kriterium der Wissenschaftlichkeit eingehen muss.

Das in deiner Hausarbeit, Bachelorarbeit oder Masterarbeit erarbeitete Wissen soll nicht als unverständliches Wirrwarr (excuse my French) »hingerotzt«, sondern verständlich und ansprechend präsentiert werden.

Eloquenter formuliert:

 Die verständliche Darstellung ist für die Benotung von entscheidender Bedeutung. 

Das betrifft Struktur, Inhalt und Sprache gleichermaßen.

Schließlich sollen sich die Leser deiner wissenschaftlichen Arbeit schnell und einfach informieren und das präsentierte Wissen leicht überprüfen und praktisch anwenden können.

Herausforderung Verständlichkeit

Dein Ziel ist klar: Du willst deiner Leserschaft keinen unnötigen kognitiven Aufwand zumuten. Frei nach Einstein: Mach’s so einfach wie möglich, aber nicht einfacher!

Dazu musst du zunächst Abstand zu deiner eigenen Arbeit gewinnen, weil du beim Schreiben irgendwann vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sieht.

Wissenschaft ist systematisch. Diese Systematik im methodischen Vorgehen und im Denken sollte anhand der inhaltlichen und sprachlichen Struktur erkennbar sein. Deine Leser:innen sollten möglichst mühelos verstehen können, was du untersuchst, wie du dabei vorgehst und zu welchen Ergebnissen du gelangst.

Im Folgenden wird die Verständlichkeit in Bezug auf Struktur, Erscheinungsbild und Sprache erläutert.

Struktur einer wissenschaftlichen Arbeit

Die Inhalte sind das Herzstück jeder wissenschaftlichen Arbeit. Eine logische Struktur trägt wesentlich zur Verständlichkeit deiner Abschlussarbeit bei.

Aufbau einer wissenschaftlichen Arbeit
Aufbaustruktur einer wissenschaftlichen Arbeit (Infografik erstellt von meiner Kollegin Lisa Schulz)

Diese Struktur spiegelt die logische Schrittfolge der Vorgehensweise wider und wird durch die inhaltliche Verknüpfung und sprachliche Mittel wie Einleitungen, Einordnungen und Überleitungen zusammengehalten.

Deine Arbeit hat noch weitere Teile, nämlich ein Vorwerk (Titelblatt, ggf. Sperrvermerk, ggf. Abstract, Inhaltsverzeichnis, Abbildungsverzeichnis, Tabellenverzeichnis, Abkürzungsverzeichnis, ggf. Vorwort) und ein Nachwerk (Quellenverzeichnis, Anhang, eidesstattliche Erklärung).

Hier gilt die Forderung nach Vollständigkeit, um Verständlichkeit zu erzeugen: Alle erwarteten und notwendigen Teile müssen vorhanden sein.

Die Reihenfolge dieser Bestandteile sollte deutlich erkennbar sein. Deren Überschriften sind aussagekräftig und prägnant zu formulieren. Das bedeutet, dass die Kapitelüberschriften möglichst knapp, dabei aber auch präzise Auskunft über den Inhalt geben sollen. Zudem sollten sie ordentlich formatiert sein.

Zur strukturellen Verständlichkeit gehören auch die Kapitelstruktur, die Absatzstruktur und der Satzbau.

Beispiel für den Aufbau eines kurzen Abschnitts:

  • Absatz 1: Einleitung des Abschnitts unter Rückgriff auf die Überschrift
  • Absatz 2: Wichtigstes Unterthema mit Differenzierung in A und B
  • Absatz 3: Einerseits A
  • Absatz 4: Andererseits B
  • Absatz 5: Unterthema 2 mit Überleitung
  • Absatz 6: Unterthema 3 unter Bezugnahme auf Unterthema 2
  • Absatz 7: Schluss des Abschnitts (Zusammenfassung, Einordnung und Herausstellung des Hauptpunktes)

Merke: Für die Verständlichkeit ist eine deutlich erkennbare logische Struktur essenziell.

Formatierung

Die visuelle Wahrnehmung folgt der Form und der Gestalt. Die Bedeutung der Formatierung ist daher nicht zu unterschätzen.

Eine uneinheitliche Formatierung wirkt nicht nur unprofessionell, sondern gilt als formaler Fehler, der dich Notenpunkte kosten kann.

Formatierung und Layout umfassen viele Details, darunter Zeilenabstände und Einzüge, Fußnoten und Kopfzeilen, Silbentrennung und Absatzabstände, Seitenränder und Seitenaufteilung.

Die Vielzahl der zu beachtenden Details lässt sich anhand der Formatierung von Tabellen veranschaulichen: Textabstand nach oben und unten, Tabellenbreite und Position des Titels, Schriftgröße und Abstände von Titel und Quellenangabe, Schriftgröße des Tabelleninhalts und Textausrichtung, Schattierung und Fettung der Titelzeile, Zeilenhöhe und Spaltenbreite, Zellenbegrenzungen und Rahmenstärke.

All diese Details sollten einheitlich gestaltet sein und den reibungslosen Informationsfluss fördern.

Merke: Typografie, Formatierung und Layout tragen dazu bei, dass die Informationen übersichtlich und leicht zu entnehmen sind.

Sprache und Formulierung wissenschaftliche Arbeit

Alle Ebenen und Elemente der sprachlichen Gestaltung wirken sich auf die Verständlichkeit aus, darunter:

  • Grammatik, Rechtschreibung und Zeichensetzung: korrekte Einhaltung der sprachlichen Regeln
  • Wortwahl: angemessen, Fachtermini benutzen, unnötige Fremdwörter vermeiden, zentrale Begriffe erläutern
  • Formulierungen: neutraler Stil mit klaren Aussagen, umständliche Formulierungen vermeiden
  • Satzbau und Satzlänge: einfache und prägnante Sätze, keine Schachtelsätze
  • Absatzstruktur und Absatzlänge: Sätze inhaltlich und sprachlich verknüpfen; Thema einleiten, erläutern, ausführen, differenzieren, veranschaulichen, dann logischer Schluss oder Überleitung zum nächsten Gedanken (d. h. Absatz); min. 3–5 gehaltvolle Sätze, max. ½–¾ Seite
  • Informationsdichte: weder zu niedrig noch zu hoch
  • Inhaltliche Kohärenz: Zusammenhänge erläutern, Gedankengänge ausführen, Argumente begründen, logisch korrekte Schlüsse
  • Textumfang: Wichtiges bekommt mehr Text, Notwendiges wird ordentlich ausgeführt

Halte den Interpretationsspielraum möglichst gering, indem du deine Leser an die Hand nimmst und Schritt für Schritt durch deine Gedankengänge und Argumentationsketten führst.

Natürlich richtet sich deine wissenschaftliche Arbeit an ein Fachpublikum. Führen bedeutet hier nicht, dass du bei Adam und Eva anfangen und allzu sehr ausholen sollst.

Vielmehr muss mir als Leser an jeder Stelle klar sein, worum es geht, in welchem inhaltlichen Kontext das steht, warum ich das gerade hier und jetzt lesen muss, wo in deiner Geschichte (it’s always a story) ich mich gerade befinde und was noch folgen wird. Das ist der rote Faden deiner Geschichte, der sich aus Inhalt, Struktur und Sprache ergibt.

Dabei zählt, was Schwarz auf Weiß dasteht.  Was du dir in deinem Kopf gedacht hast, das wird für deine Leser:innen nicht unbedingt ersichtlich sein. Deshalb ist es wichtig, dass du deine Gedankengänge klar und prägnant ausformulierst. 

Merke: Deine Schlussfolgerungen müssen korrekt sein. Deine Aussagen sollten auf den Punkt gebracht werden. Dein Text sollte möglichst zielführend sein.

Wie du für Verständlichkeit sorgst

Fangen wir mit dem Warum an.

Um für Verständlichkeit sorgen zu können, muss man verstehen, wie Verstehen funktioniert.

Verstehen beginnt in der ersten Instanz mit der Wahrnehmung. Wir nehmen Informationen besser auf, wenn sie zu den Mechanismen unserer Wahrnehmung passen und entsprechend geordnet sind.

Nach der Vorverarbeitung durch das Wahrnehmungssystem gelangen die Informationen zur zweiten Instanz, wo sie logisch-rational überprüft, mit dem vorhandenen Wissen abgeglichen und letztlich verstanden werden – oder nicht.

Diese beiden Systeme hat Kahneman als System 1 und System 2 bezeichnet. Wir neigen zu kognitiven Verzerrungen. Ein bewusster Umgang damit hilft dir, diese Denkfehler zu vermeiden.

Die Forderung nach Verständlichkeit umfasst insofern sowohl die optisch-visuelle Gestaltung und den strukturell-logischen Aufbau als auch die widerspruchsfreie und prägnante Ausführung deiner Gedanken.

Die kognitive Anstrengung, die zur Aufnahme und Verarbeitung der Informationen erforderlich ist, wirkt sich auf die Bewertung ihrer Richtigkeit und Qualität aus.

Kurzum: Einfach und schön wird als wahr und gut interpretiert.

Dein nächster Schritt zur optimalen Verständlichkeit betrifft das Was. Mach dir zunächst bewusst, welche Ebenen und Elemente sich auf die Verständlichkeit auswirken.

Ich verkürze mal: alle!

Struktur, Formatierung, Sprache, Hilfsmittel wie Abbildungen – all diese Komponenten müssen für eine maximale Verständlichkeit optimal gestaltet sein.

Jetzt zum Wie.

Langer, Schulz von Thun und Tausch (2015) nennen vier »Verständlichmacher«:

  1. Einfachheit
  2. Ordnung
  3. Prägnanz
  4. Zusätzliche Anregung

Kontrolliere gezielt die Informationsdichte. Das Wissen soll kompakt, aber nicht bis zur Unverständlichkeit komprimiert dargestellt werden.

Die Kunst der Balance liegt darin, die Inhalte attraktiv und kurzweilig zu präsentieren, ohne effekthascherisch zu wirken, Wesentliches zu unterschlagen oder deine Leserschaft mit Geschwafel zu langweilen.

Grafiken unnötig aufzuhübschen ist beispielsweise unwissenschaftlich, da ohne informativen Wert. Stattdessen solltest du hier Reduktion auf essenzielle Komponenten anstreben, um das Wichtige schlicht und sauber hervorzuheben.

Merke: Überfrachte die Gehirne deiner Leser nicht mit überflüssigen technischen, sprachlichen und grafischen Details, aber erläutere ausführlich, was ausführlich erläutert werden muss. Achte auf inhaltliche Kohärenz, logische Konsistenz und sprachliche Prägnanz.

Die folgende Checkliste gibt dir »Erste Hilfe« bei der Umsetzung.

Deine Checkliste für optimale Verständlichkeit

  • Alle erforderlichen Bestandteile vorhanden: Titelblatt, Verzeichnisse, evtl. Anhänge und eidesstattliche Erklärung
  • Gliederung schlüssig und zielführend
  • Überschriften inhaltlich aussagekräftig und präzise
  • Struktur (Gliederung, Kapitel, Abschnitte, Absätze, Sätze) und Inhalte auf kognitive Einfachheit optimiert
  • Alle Inhalte kohärent, prägnant, zielführend und schlüssig
  • Zum Verständnis nötige theoretische und begriffliche Grundlagen erläutert
  • Argumente logisch konsistent
  • Gedankengänge ausgeführt
  • Roter Faden durch Einleitungen, Einordnungen, Zusammenfassungen und Überleitungen vorhanden
  • Absätze als optisch sichtbare Gedankeneinheit gestaltet – nicht zu lang, nicht zu kurz (Faustregel: min. 3–5 gehaltvolle Sätze bis max. ½–¾ Seite)
  • Text sprachlich korrekt und passend (Grammatik, Rechtschreibung, Zeichensetzung, Wortwahl, Ausdruck, Satzbau etc.)
  • Abbildungen und Tabellen sauber und nachvollziehbar (aus sich selbst heraus verständlich, aussagekräftig betitelt, im Text erläutert)
  • Formatierung und Layout entsprechend den Vorgaben vereinheitlicht

Zusammenfassung und Ausblick

Deine Prüfer:innen bevorzugen eine gut strukturierte und verständlich gestaltete Abschlussarbeit, die sie nicht mit Plattitüden langweilt und eine angemessene Informationsdichte hat. Welche Ebenen und Elemente zur Sicherstellung der Verständlichkeit besonders zu beachten sind, kannst du der obigen Checkliste entnehmen.

Auf der nächsten Seite erfährst du mehr über Relevanz und Argumentationslogik sowie Originalität als Kriterien der Wissenschaftlichkeit. Dabei wird wieder deutlich, dass die hier vorgestellten Kriterien der Wissenschaftlichkeit zusammengedacht werden sollten. Denn die Argumentationslogik trägt zur Verständlichkeit bei. Logisch, oder? 😉